
WeFairPlay kehrt mit seiner fünften Ausgabe zurück – Ehrengast ist die Alpinistin Tamara Lunger
10 April 2026Mit einer Veranstaltung, die einer der beliebtesten Persönlichkeiten des italienischen Skisports gewidmet war, wurde die neue Reihe der Initiative “Storytellers – Fairplay erzählt von großen Sportjournalisten” eröffnet. Die Reihe wird vom GS Excelsior organisiert, dem Bozner Verein, der für sein soziales Engagement und seine kontinuierliche Sensibilisierungsarbeit zu den Werten des Sports bekannt ist.
Die erste Begegnung fand am 27. April in der Stadtbibliothek Bozen statt und stand ganz im Zeichen von Kristian Ghedina sowie des Journalisten und Schriftstellers Lorenzo Fabiano, die das Buch „Ghedo. Non ho fretta ma vado veloce“ vorstellten.
Das Buch erzählt von einem Leben, das von äußerst harten Prüfungen geprägt war: vom Tod der Mutter, als Kristian noch Jugendlicher war, bis hin zum schweren Autounfall im Jahr 1991, der seine sportliche Laufbahn für immer hätte beenden können. Und doch hat Ghedina immer wieder die Kraft gefunden aufzustehen, zu gewinnen, zu stürzen und neu zu beginnen – stets mit jenem Lächeln, das ihn dem Publikum nahegebracht und ihn weit über seine sportlichen Erfolge hinaus unverwechselbar gemacht hat.
So zeichnet das Buch das Porträt eines Volkschampions im ursprünglichsten Sinn des Wortes: eines Athleten, der Talent, Mut, Instinkt und große Menschlichkeit in sich vereint. Nicht nur ein außergewöhnlicher Abfahrer, sondern eine Persönlichkeit, die sich durch ihre Authentizität, ihre ungezwungene Beziehung zu den Menschen und ein Sportverständnis auszeichnet, das stets untrennbar mit der eigenen Identität verbunden ist.
Mit dreizehn Weltcupsiegen, dreiunddreißig Podestplätzen und drei WM-Medaillen nimmt Kristian Ghedina einen herausragenden Platz in der Geschichte des italienischen alpinen Skisports ein. Über viele Jahre hinweg war er die prägende Figur im italienischen Abfahrtsteam, ein spektakulärer und instinktiver Interpret einer Disziplin, in der er sich durch Stil, Persönlichkeit und die Fähigkeit auszeichnete, auch die schwierigsten Phasen seiner Karriere zu meistern.
Gerade dieses Zusammenspiel aus sportlichen Erfolgen, Resilienz und persönlichem Charisma macht seine Geschichte heute besonders geeignet für ein Projekt wie Storytellers, das anhand der Stimmen großer Protagonisten des Sports, Fair Play als kulturellen, menschlichen und pädagogischen Wert vermittelt.
Um diese Themen zu vertiefen und besser zu verstehen, was es bedeutet, eine Niederlage in eine Chance zur persönlichen Weiterentwicklung zu verwandeln, haben wir Lorenzo Fabiano interviewt: ein offenes und ehrliches Gespräch über den erzieherischen Wert des Sports, die Rolle des Fair Play und über Geschichten, die uns lehren, keine Angst vor dem Fallen zu haben.
Interview mit Lorenzo Fabiano
Welchen Wert hat Ihrer Ansicht nach eine Initiative wie WeFairPlay, wenn es darum geht, Themen wie Fairness, Respekt und Inklusion im heutigen Sport wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken?
Sie hat einen doppelten Wert. Über diese Themen wird oft gesprochen, manchmal allerdings in einer etwas allzu wohlfeilen, rhetorischen Weise. Heute braucht es weniger große Worte und dafür mehr konkrete Beispiele. Genau darin liegt die Bedeutung einer Initiative wie WeFairPlay: Sie macht reale Geschichten sichtbar und zeigt, dass Fairness, Respekt und Inklusion keine abstrakten Prinzipien sind, sondern gelebte Haltungen.
Wie wichtig ist es im heutigen Sport, nicht nur Siege und Ergebnisse zu erzählen, sondern auch Gesten, Haltungen und Beispiele, die zu einer gesünderen Sportkultur beitragen?
Da sprechen Sie bei mir ein offenes Thema an. Ich habe ein Buch geschrieben, das im Grunde ein Lob der Niederlage ist, weil es im Leben viel mehr Momente gibt, in denen wir verlieren, als solche, in denen wir gewinnen. Gerade dann müssen wir in uns hineinschauen und verstehen, was nicht funktioniert hat. Der Sport liefert dafür sehr eindrucksvolle Beispiele: Wer nicht verlieren kann, wird wahrscheinlich auch nie wirklich gewinnen können.
Das Bild dafür ist das eines Radrennens: Der Sieg kommt fast immer erst nach dem Anstieg. Trotzdem leben wir in einer Kultur, die fast ausschließlich den Erfolg feiert. Denken wir nur an Jannik Sinner: Wenn er gewinnt, wird er von allen gefeiert, doch sobald eine Niederlage oder eine schwierige Phase kommt, beginnt sofort ein medialer Prozess. So war es nach den Niederlagen in Australien und Doha. Und doch zeigen uns gerade große Champions, dass auch sie Schwächen, schwierige Momente und Phasen des Zweifelns kennen. In einem Land wie dem unseren, das oft schnell Schuldige sucht, macht die Niederlage mehr Schlagzeilen als der Sieg. Dabei liegt gerade darin ein wesentlicher Teil des erzieherischen Werts des Sports.
Das Buch „Ghedo. Non ho fretta ma vado veloce“ haben Sie gemeinsam mit Kristian Ghedina geschrieben: Welches Bild wollten Sie von ihm als Mensch und als Sportler zeichnen – jenseits der öffentlichen Wahrnehmung des Champions?
Wir wollten vor allem den Menschen erzählen, noch vor dem Champion. Kristian ist in diesem Sinn ein Anti-Star, jemand, der sich nie selbst auf ein Podest gestellt hat. Er verkörpert die Größe der Einfachen, der authentischen Menschen. Er hat enorme Herausforderungen erlebt – den Unfall, das Koma, den Verlust seiner Mutter mit fünfzehn Jahren – und ist trotzdem immer ein Champion der Menschen geblieben, mit den Menschen und unter den Menschen.
Er hat nur sehr wenig Selbstvermarktung betrieben. Er hat sich so gezeigt, wie er ist, ohne sich eine künstliche Figur zuzulegen. Er hat dreizehn Weltcuprennen gewonnen und gehört damit zweifellos in den Kreis der Großen, doch die Menschen haben in ihm immer auch den anständigen Kerl, den sympathischen Typen, den Freund aller Italiener gesehen. Gerade das macht seine Geschichte so besonders: eine sehr lange Karriere, geprägt von Opferbereitschaft, Einsatz und Professionalität. Auch wenn sein Bild auf den ersten Blick etwas Rockiges haben mag, war er immer jemand, der den Sport mit großer Ernsthaftigkeit gelebt hat. Im Buch schreibe ich, dass Kristian, wenn ich ihn mit einer Metapher beschreiben müsste, keine fossile Energie ist, sondern erneuerbare Energie – ein Kind von Sonne und Wind.
Gibt es in Ghedinas menschlichem und sportlichem Weg Aspekte, die Ihrer Meinung nach mit den Werten von WeFairPlay in Verbindung stehen – etwa Respekt, Authentizität, Mut und einem richtigen, gesunden Verständnis von Sport?
Ganz sicher. Kristian war immer jemand, der seinen Gegnern großen Respekt entgegengebracht hat, selbst in einer Individualsportart wie dem Skifahren, in der Rivalitäten ganz natürlich entstehen. Der Skisport ist sehr hart, in gewisser Weise sogar gnadenlos, und gerade deshalb wäre es leicht, sich in Spannungen, persönliche Vergleiche oder Ressentiments hineinziehen zu lassen. Aber Kristian hat nie in solchen Kategorien gedacht, weil das schlicht nicht seinem Wesen entspricht.
Und genau das bringt ihn den Werten von WeFairPlay so nahe: Respekt, Authentizität und der Mut, man selbst zu sein, ohne den Wettbewerb um jeden Preis ins Extreme zu treiben. Seine Geschichte zeigt letztlich, dass man ein großer Champion sein kann, ohne den eigentlichen Sinn des Sports zu verlieren.




